Ab wann darf man eigentlich Reitunterricht geben?

Reitunterricht geben ohne Trainerschein


Von Jessica Jacob

 

Mit Veröffentlichung meiner Facebook-Seite wurden Stimmen laut, die kritisierten, dass ich keinen Schein hätte, um mein Wissen an Reitanfänger weiterzugeben. Ich sei auch noch viel zu jung um etwas zu wissen oder gar weiterzugeben. Das brachte mich zum Nachdenken und ich beschloss, mir mal ein paar Gedanken zu machen. Ich freue mich über regen Austausch und noch viel mehr, wenn ihr meinen Beitrag weitertragt!

 

In diesem Beitrag erfährst du,

 

- ob der Beruf des Reitlehrers geschützt ist,

- ob du einen Trainerschein benötigst,

- wie es um Berufserfahrung und Berufseinstieg steht,

- wie du mit Profis und Überprofis als Konkurrent umgehst,

- wie wichtig der eigene Wille ist und

- was es mit Selbstreflexion und Weiterbildung auf sich hat.

 

Ein paar Worte vorweg

 

Ich möchte an dieser Stelle explizit darauf hinweisen, dass ich niemanden dazu aufrufen will, sich als blutiger Anfänger in die Mitte des Platzes zu stellen und die hohen Künste der Reiterei zu lehren. Dafür gibt es Profis. Ich will vor allem die Menschen ansprechen, die ein Auge auf das Reitlehrerdasein geworfen haben, mit diesem Berufszweig liebäugeln oder ihr möglicherweise verborgenes Talent noch nicht entdeckt haben. Um Schindluder zu vermeiden, benötigen wir einfach mehr gute Reitlehrer, die wiederum gute Reiter hervorbringen - und die verstecken sich vielleicht gerade dort, wo aktuell kein Geld für einen kostspieligen Trainerschein übrig ist.

 

Selbstverständlich ist es auf lange Sicht äußerst sinnvoll sich seine Tätigkeit zertifizieren zu lassen.  Eine fundierte Ausbildung zum Reitlehrer ist immer besser als ohne Schein zu unterrichten. Um aber überhaupt herauszufinden, ob das Unterrichten wirklich etwas für einen ist und wo die eigene Reise hingehen soll, muss man erst einmal anfangen mit dem Unterrichten. Diese Menschen will ich erreichen! (Alle anderen können sich erst einmal Tee kochen gehen; zur Entspannung.)

 

Der Beruf des Reitlehrers

 

Der Beruf des Reitlehrers ist nicht geschützt. Halleluja! Fluch und Segen zugleich. Fluch deshalb, weil jeder Hanz und Franz sich deshalb als Reitlehrer schimpfen kann.  Daher ist der Definitionsrahmen des Reitlehrers auch sehr groß - ist man bereits Reitlehrer, wenn man ein, oder zweimal einen Tipp abgegeben hat? Wird man erst Reitlehrer, wenn man regelmäßige Reitstunden gibt und feste Kunden hat? Oder zählt man erst dazu, wenn man Trainerschein und 100 Jahre Berufserfahrung inklusive S-Platzierungen vorweisen kann? Konkret: Wenn Heini Meier nur einen Wochenendkurs im Westernreiten besucht hat und im Anschluss den Kindern im Dorf das Geld für das Reiten seiner Shetlandponys aus der Tasche zieht, darf er sich trotzdem Reitlehrer nennen! Niemand wird ihm deswegen eins auswischen.

Segen ist es deshalb, weil du einfach anfangen kannst. Du brauchst nicht erst 2000 Euro für das Erlangen deines Trainerscheins sparen, um dein Wissen weiterzugeben. Du musst auch nicht warten, bis du drei S-Platzierungen hast, um dem verzweifelten Mädchen aus dem Stall zu helfen, ihr Pferd auf dem Zirkel zu galoppieren. Du darfst dein Wissen weitergeben - und zwar dann, wenn du dich bereit dazu fühlst  und die Situation es erfordert.

 

Berufserfahrung und Reitlehrer sein

 

Wir haben alle das Bild des alten Reitmeisters im Kopf: In der Ecke des Platzes stehend, bestenfalls mit Reitstiefeln und Reithose bekleidet, lässt er im herrischen Ton seine Kommentare zum Getümmel im Viereck verlauten. Sein Motto: Nicht geschimpft ist Lob genug. Ehrfurchtsvoll, fast mit geduckter Haltung reitet der Schüler an ihm vorbei, in der Hoffnung, dem Reitmeister entgeht der Strohhalm im Schweif des Schulpferdes. Seine komplette Erscheinung strotzt nur so vor Wissen, Erfahrung und Weisheit. Sieht man ihm in die Augen, erkennt man dort die unerschütterliche Gewissheit, er wisse was er tut. Aufgrund seiner jahrelangen Berufserfahrung (mindesten 100 Jahre) als Reitlehrer, Pferdewirtschaftsmeister, Züchter und Richter in einer Person, wagt niemand, seine Aussagen oder Kommentare in Frage zu stellen. Er hat mindestens drölf S-Platzierungen in der Dressur und zwei Mal das Hamburger Derby gewonnen. Wäre Paul Schockemöhle nicht schneller gewesen, hätte er Totilas gekauft, um ihn neben seine drei erfolgreichen Nachkommen von Bretton Woods, Donnerhall und Konsorten zu stellen.

 

Kurz: Der Mann weiß, wovon er spricht.

 

Und du willst ihm jetzt Konkurrenz machen?

 

Ja! Du darfst. Du sollst! Du musst sogar! Denn:

 

  • Konkurrenz belebt das Geschäft (Zitaturheber ist mir unbekannt). Nicht jeder Reiter kommt mit seinem herrischen Ton und der autoritären Unterrichtsweise zurecht. So manch eine zartbesaitete Pferdenärrin hat schon die Flinte ins Korn geworfen, weil sie mit den gefühllosen Kommentaren dieses Schreihalses nicht zurecht kam. Wie traurig! “Warum reitest du nicht mehr?” - “Ich mochte den Reitlehrer nicht und es war kein anderer da.” Sei du die Alternative!
  • Der alte Reitmeister kann nicht überall sein. Wenn er seinen Stall im Norden des Landes hat, kann er keinen Unterricht für die Schüler im Süden geben. Jemand muss ihn unterstützen. Warum nicht du?
  • Der alte Reitmeister ist leider alt. Auch er wird nicht für immer unter uns weilen, auch, wenn es sich so anfühlt, als stünde er schon seit dem zweiten Weltkrieg bei K in der Ecke. Wenn er einmal nicht mehr ist, muss irgendwer seine Aufgabe übernehmen. Na, hast du eine Idee wer?
  • Junges Gemüse wie du und ich und viele andere stellt Dinge in Frage und bringt neue Ansichten mit. Natürlich gibt es Grundsätzliches, was schon immer so war und zum Wohle des Pferdes auch so bleiben sollte. Dennoch: frischer Wind schafft Perspektivwechsel und neue Ideen.

 

Von Profis lernen - der Umgang mit Profis und Überprofis

 

Du musst ihn und alle anderen Dinosaurier im Pferdekosmos nicht als Konkurrenten betrachten. Neudeutsch nennt man das jetzt sowieso “Mitbewerber”. Das klingt viel freundlicher und positiver. Tatsächlich kannst du von deinem Mitbewerber sogar allerhand lernen. Wie wäre es, wenn du einmal eine Stunde bei ihm hospitierst oder sogar mit reitest?

Meiner Meinung nach dürfen wir uns als junge, angehende Reitlehrer nicht davon abschrecken lassen, dass es bereits Profis und Überprofis gibt. Niemand kam mit der goldenen Reiternadel zur Welt. Es ist schier unmöglich, mit einer neuen Tätigkeit zu beginnen, dabei keine Fehler zu machen und Unmengen an Erfahrung vorweisen zu können. So, wie man Reiten nur durch reiten lernt, lernt man das Unterrichten nur durch unterrichten. It’s magic!

 

 

Der Wille dahinter

 

Ich unterstütze jeden, der ohne Trainerschein mit dem Unterrichten beginnt, so lange die Motivation des Unterrichtens dahinter stimmt. Stell dir vor, es gäbe keine passablen Alternativen, weil du um die Erlaubnis irgendeiner Vereinigung wartest, dass du jetzt endlich dein Wissen weitergeben darfst. Wie viele Kinder würden in dieser Zeit Schindluder lernen oder gar nicht erst mit dem Reiten beginnen, weil die bestehenden Möglichkeiten nicht zu ihnen passen? Ich habe damals mit dem Unterrichten begonnen, weil die Alternativen für die Kinder in der Gegend nicht meinen Vorstellungen von gutem Unterricht entsprachen und der einzige Hof in unmittelbarer Nähe mit gescheiter Reitlehrerin keine Kinder mehr aufnahm. Ich wollte trotzdem meiner Mission vom fairen und fähigen Reiternachwuchs folgen und fing einfach an. Obwohl ich keine nennenswerten Platzierungen vorweisen konnte und erst 20 Jahre alt war.

 

Schein oder nicht Schein?

 

Natürlich bringt eine fundierte Grundausbildung in der Reitpädagogik eine Menge Fachwissen mit sich, die man sich ohne Schein erst einmal selbst erarbeiten muss. Das Curriculum eines Trainer-C-Anwärters ist strukturiert und bereits vorgefertigt. Auch lassen sich höhere Preise für Reitstunden verlangen, wenn man bescheinigen kann, ein zertifizierter Reitlehrer zu sein. Einige Versicherungen haben sich auch ein wenig zimperlich, wenn sie die Tätigkeit "Scheinloser" absichern sollen. ABER MEIN GOTT! Wenn du drei Kindern einmal die Woche das Reiten lehrst, musst du nicht gleich 2000 Euro hinblättern, um dir deine Kompetenz zertifizieren zu lassen. Wo bleibt denn da die Verhältnismäßigkeit? Und hat mal jemand über die finanziellen Mittel eines jeden Einzelnen nachgedacht? Ich habe beispielsweise noch keinen Schein, weil ich nicht mal eben so viel Geld übrig habe, um mir ein Zertifikat zu ergattern. Und ich glaube auch vielen anderen Unterrichtswilligen geht es so.

 

 

Selbstreflexion und Erfahrung

 

So lange der nicht-zertifizierte Reitlehrer sein vermitteltes Wissen selbst in die Tat umsetzen könnte, ist es meines Erachtens völlig okay zu sagen, ich gebe Reitunterricht. Wie vielen Kindern und Erwachsenen kann geholfen werden, wenn nur mehr Menschen beginnen würden, ihr wissen zu teilen? Jeder Bandenprofi, der hinter vorgehaltener Hand alles besser weiß, wäre ein potentieller Reitlehrer,  würde er seine Kritik, so denn sie berechtigt ist, persönlich, konstruktiv und direkt äußern.

Wichtig ist zu wissen, wo die eigene Kompetenz aufhört. Ich selbst kann beispielsweise nur bis A Dressur reiten und bin eine Niete im Springen. Deshalb bringe ich auch nur blutigen Anfängern das Reiten bei und vermittle die Grundlagen bis maximal zum Einstieg in die Klasse E. Alles andere würde mich selbst unzufrieden machen und wäre inkompetent.

Für alle die, die sich die nötige Erfahrung im Unterrichten absprechen: Erfahrung kommt mit der Praxis. Niemand wird sofort ein eins a Reitlehrer sein, sondern muss erst seine eigenen Methoden und den Stil finden. Es werden wohl oder übel auch ein paar Reitschüler hinhalten müssen, die als Versuchskaninchen fungieren. Ja, unwissentlich beiderseits.

 

Wichtig ist,

 

  • die eigenen Fehler und Erfahrungen zu reflektieren,
  • Offen für konstruktive Kritik zu sein
  • Und sich fortlaufend weiterzubilden!

Besonders der letzte Punkt ist sehr, sehr wichtig. Gerade dann, wenn du selbst noch keine 50 Jahre Berufserfahrung mitbringst, musst du dein Reiter- und Pferdewissen fortwährend schulen. Noch einmal:

Ich will dich nicht dazu animieren, dich als unerfahrener Reiteinsteiger in die Mitte zu stellen und dich als großen Startrainer auszugeben. Mein Ziel ist es, dich zum Einstieg in den Kinderreitunterricht zu ermutigen, um die Pferdewelt vor schlechten Reitern zu bewahren. Ich öffne dir die Tür, aber du musst hindurchgehen. Hinter einer guten Unterrichtspraxis stehen eigene Trainingsstunden, Fortbildungen, Seminare, das Lesen von Büchern und Hören von Podcasts, das Nachfragen, das Fehler eingestehen und viele andere Dinge, du dir dann aneignen darfst und musst! 

 

Nur Mut! Wer Großes erreichen will, muss klein anfangen. Alles ist schwer, bevor es leicht wird. Was du heute kannst besorgen… ich sollte aufhören mit den Binsenweisheiten.

 

 

 

Fang endlich an, guten Reitunterricht zu geben, pferdefreundliche Reiter zu schaffen und die Pferdewelt besser zu machen!

 

 

 

 


Wie stehst du zum Thema Unterrichten ohne Schein? Wie hast du deine ersten Reiterfahrungen gesammelt?

Erzähl mir davon!