Ab wann Kinder reiten lernen können

Das richtige Alter für den ersten Ritt


Ab wann dürfen Kinder reiten lernen?
Ab wann dürfen Kinder reiten lernen?
"Mein Kind ist erst drei, aber es würde so gerne reiten... darf es schon?"

 

Eine Frage vieler Muttis (und Vatis), die recht häufig gestellt wird. 

Ich habe schon so einigen Kindern das Reiten beigebracht. Von zarten Dreijährigen bis hochpubertären Fünfzehnjährigen war fast alles dabei. Allerdings macht es einen himmelweiten Unterschied, ob du einer Fünfjährigen erklärst, wie es ihr Pony abwenden muss oder einem Erwachsenen. 

 

In diesem Beitrag erfährst du daher, 

 

  • in welchen Altersstufen du welche Übungen im Reitunterricht durchführen lassen kannst
  • welche Erfahrungen ich dabei gemacht hab

 

 

Entwicklungsstufen und Fachliteratur

 

Kinder sind noch Kinder, weil sie sich erst entwickeln müssen. Sie durchlaufen in ihrem ganz eigenen Tempo verschiedene Entwicklungsschritte zum fertigen Erwachsenen. Die Fachliteratur hat grobe Einschätzungen herausgearbeitet, wann Kinder was können. Sie können also noch nicht alles auf einmal, vergiss das nicht.

 

Ich gestehe ganz ehrlich: Ich habe vor dem Start einer neuen Reitstunde mit einem unbekannten Kind noch nicht einmal in irgendwelche Literatur dazu geschaut. Das ist der Tatsache geschuldet, dass Kinder so verdammt unterschiedlich sind. Die einen können mit vier schon eine Schleife binden und den anderen musst du mit sieben noch die Schnodder abwischen. Wer will sich da schon auf irgendwelche Tabellen von realitätsfernen Hochschulprofessoren verlassen? Ich muss bei diesen Ausführungen ein wenig an Greta denken, die mit vier Jahren schon den Pferdeknoten konnte und wusste, wie man die äußeren Schenkelhilfen benutzt.

 

Meist reicht es mir, wenn ich das Alter weiß. Mir ist es egal, ob das Kind schon alleine Schuhe binden oder sich anziehen kann. Im Reitunterricht ist eh immer alles anders. Ich verlasse mich da stark auf mein Gefühl und meine Intuition im Umgang mit dem Kind. Sicherlich kannst du von einem ganz kleinen Knirps im Krippenalter noch nicht so viel verlangen, wie von einem Sekundärschüler. Aber das ist gesunder Menschenverstand, deshalb spare ich mir hier die Ausführung.

Ganz grob habe ich folgende Erfahrungen mit verschiedenen Altersspannen gemacht:

 

2 - 3 Jahre:

 

Da kannst du mit den ganz kleinen Kindern Ponyführen machen. Zweijährige Kinder können bereits sitzen und laufen, aber fangen gerade erst mit dem Sprechen an. Manche sind da schneller, manche langsamer. Sehr hilfreich ist es, wenn das Kind ja und nein versteht. Die noch kleinere Schwester von Klein-Greta ist jetzt zwei und will auch immer beim Ponyputzen helfen und eine Runde reiten. Sie ist aber auch schon relativ groß und weit für ihr Alter. Merk dir als Faustregel: Wenn das Kind sitzen und sich festhalten kann sowie einfache Anweisungen versteht, kannst du es mit zum Ponyführen nehmen. Länger als zehn bis fünfzehn Minuten reines Reiten funktioniert aber noch nicht. Du musst auch lediglich im Kreis führen. Für die kleinsten Knirpse ist es schon ein großes Erlebnis, einfach nur oben drauf zu sein. Lass zur Sicherheit unbedingt die Eltern nebenher gehen, die ihr Kind an der Hüfte stützen können, sollte es sich noch nicht halten können.

Kleine Kinderfüße gehören noch nicht in Steigbügel! Es reicht, wenn du sie auf einem Pad mit Griff oder einem Longiergurt herum führst. Die Gefahr, dass sie sich im Steigbügel verheddern ist zu groß. Ihnen fehlt noch völlig das Gefühl für Anfang und Ende ihrer Körperpartien und die Körperspannung im Bein ist auch noch nicht gegeben.

 

Die Dreijährige aus dem Zitat am Beitraganfang darf also  schon zum Reitunterricht. Vorausgesetzt, du arbeitest gerne mit Kleinkindern zusammen und bringst das nötige pädagogische Geschick und den Sachvestand mit!

 

 

3 - 5 Jahre:

 

Ab diesem Alter kannst du auch schon die schnelleren Gangarten an der Longe mit Longiergurt einbauen. Das Wichtigste ist, dass du die Körperspannung im Blick behältst. Gerade sitzen und die Bewegungen des Pferdes zu kompensieren, erfordert unheimlich viel Kraft vom kleinen Menschen. Viele Kinder hocken ohnehin zu viel vor dem Tablet oder Smartphone und haben eine schlechte Grundhaltung und Kondition. Mit fünf Jahren etwa kannst du auch schon mit dem Sattel und dem Leichttraben beginnen. Überflieger schaffen das auch schon mit vier. Auch hier musst du das ganz individuell entscheiden. Das Reiten mit Sattel ist noch einmal etwas komplett anderes, als mit Gurt. Besonders das Aussitzen und Galoppieren erfordert hier ein sehr hohes Maß an Lockerheit und Kraft. Unterschätz das nicht!

Abhängig vom Konzentrationsvermögen gestalte ich die Reitstunden in diesem Alter zwischen zwanzig und dreißig Minuten exklusive Vor- und Nachbereitung des Ponys. Das reicht auch völlig! An manchen Tagen reiten wir auch nur zehn Minuten auf dem Reitplatz und gehen im Anschluss entspannt ausreiten.

 

 

5 - 7 Jahre:

 

In diesem Alter kannst du ruhigen Gewissens alle Gangarten mit Sattel und das Leichttraben üben. Auch das Lenken an der Longe mittels Gewichts- und Schenkelhilfen verstehen die Kinder in diesem Alter ganz gut. Allerdings habe ich hier die Erfahrung gemacht: Den meisten Kindern fällt es in diesem Alter noch sehr schwer, alle Hilfen gleichzeitig zu geben. Freies Reiten ist hier nur in Ausnahmefällen möglich. Das gleichzeitige Konzentrieren auf Gewichts-, Schenkel- und Zügelhilfen sowie das simple Oben-Bleiben ist für sie noch eine Mammutaufgabe!

Ich habe eine Reitschülerin, die reitet seit ihrem vierten Lebensjahr bei mir. Ich hatte die Hoffnung schon längst aufgegeben, sie noch einmal selbstständig reiten zu sehen. Jetzt, mit ihrem siebten Lebensjahr, hat sie plötzlich einen so großen Schritt nach vorn gemacht, dass sie urplötzlich alleine reiten kann und versteht, was sie umsetzen soll.

Du kannst die Spanne zwischen fünf und sieben Jahren wunderbar nutzen, um den Grundsitz zu fördern, Übergänge an der Longe zu üben, Bahnfiguren führen zu lassen und kleine Ausritte am Strick zu machen.

 

 

7 - 10 Jahre:

 

Das ist das Alter, indem du langsam mit dem richtigen Reiten lernen beginnen darfst. Die Schüler können sich durch die Schule schon ein wenig länger konzentrieren. Wenn du schon eine Weile mit ihnen trainierst, wirst du den Grundsitz gefestigt haben. Vielleicht hast du auch schon erste “Gangschaltvorgänge” geübt. Auf jeden Fall machen die Kinder zwischen acht und neun Jahren noch einmal einen großen Sprung nach vorn. Sie können auch schon gut mehrere Dinge gleichzeitig. Ich mag das Alter sehr gerne zum richtigen Reiten lernen.

 

 

Ab 11 Jahren:

 

Ab ungefähr dem elften Lebensjahr kannst du mit Reitschülern schon jede Menge anfangen. Sie haben neben ihrer körperlichen Kondition und dem entwickelten Koordinationsvermögen ein gutes Verständnis für Moral, Fairness und Co. Du darfst ab diesem Alter schon erste Erklärungen zum Thema Gymnastik fürs Pferd einführen und kannst mehr und mehr Übungen verlangen, die auch für das Pferd anspruchsvoller werden.

Meine Altersspannen sind natürlich nur grobe Richtwerte und wie immer von Einzelfall zu Einzelfall unterschiedlich. Ganz grob kannst du dich ungefähr danach richten, dass richtiges Reiten lernen erst ab der zweiten Klasse möglich ist. Alles davor ist vor allem Sitzschulung, Bodenarbeit und Ponykennenlernen.

Auch, wenn Kinder erst mit etwa zehn, elf Jahren ein Moralverständnis entwickeln, darfst du auch schon in jüngeren Jahren darauf achten, dass sie fair mit ihrem Pony umgehen. Auch nach der Ponystreichelstunde wird das Pferd nachbereitet und auf die Koppel gebracht. Und wenn wir nur eine Runde durchs Dorf dümpeln, muss das Pony geputzt und auf den anstehenden Ausritt eingestimmt werden. Selbst beim Führen verstehen schon die Allerkleinsten, dass sie ihren Ponys erst ein Kommando geben müssen, bevor sie stehen bleiben. Kleinkinder finden das bei mir klasse, wenn sie dem Pony an der Straße das Kommando zum Halten geben dürfen und das Pony tatsächlich anhält. Ich achte penibel darauf, dass sie auch erst wieder los laufen, wenn sie ein Kommando gegeben haben. Bei den größeren Kindern bringe ich immer folgenden Vergleich: Ich kann die Kinder ohne ein Wort in eine Richtung “zerren”, ich kann sie aber auch entsprechend auf meine Idee vom Richtungswechsel vorbereiten. Das verstehen sogar schon Fünfjährige. Die Übung lässt sich auch auf sanfte (!) Weise am Boden mit zwei Kindern üben. Je früher du mit “erst das Kommando, dann die Aktion” beginnst, desto leichter hast du es später bei der Reitausbildung. Auch hier muss dem Pferd gesagt werden, wann es was zu tun hat. Durch dieses zarte Pflänzchen der Mindset-Entwticklung, was da gesäht wird, werden die Kinder generell im partnerschaftlichen Umgang geschult. Da kannst du gut Werbung mit machen: Reitunterricht trainiert nicht nur das Reiten, sondern auch die Sozialkompetenz untereinander.

 

Das war mein kleiner Einblick in meine Erfahrungen mit den unterschiedlichen Altersstufen. Ich hoffe, es fällt dir jetzt leichter, deine Reitstunden altersgerecht zu gestalten ohne jemanden zu unter- oder überfordern. So schaffen wir es, gemeinsam für guten Reitunterricht zu sorgen, der bessere Reiter für die Zukunft schafft! 

 

Was sind deine Erfahrungen?

Wie gestaltest du die Zeit bis zum “richtigen” Reiten lernen?

 

Von Jessica Jacob

Hilf auch anderen Reitlehrern dabei, ihre Reitstunden altersgerecht zu gestalten!