Konnte die das überhaupt?

Teil 2: ZUR AUSWIRKUNG VON TRAINERSCHEIN UND SACHKUNDENACHWEIS BEIM SCHADENSFALL IM REITUNTERRICHT 


von Jessica Jacob

 

Die Berufsbezeichnung Reitlehrer ist kein geschützter Begriff. So wie heutzutage jeder Blogger werden kann, kann sich auch jeder Hans in die Mitte zu X stellen und anderen etwas vom Pferd erzählen. So lange nichts passiert, ist das auch kein Problem. Wie so oft: Wo kein Kläger auch kein Richter. Schwierig wird die Sachlage dann, wenn etwas passiert. Dann krähen Eltern, Stallbetreiber, Versicherungsmenschen, Richter und die Öffentlichkeit vor allem eins: War der Reitlehrer überhaupt dazu befähigt, Unterricht zu geben?

 

Die Sach- und Rechtslage hierzu ist ein bisschen kompliziert. Ich habe bei meinen Recherchen keinen brauchbaren Text gefunden, der alles in allem vereint, was mit Versicherung, Haftung, Sachkundenachweis und Trainerschein zu tun hat, deshalb hab ich mich an das große Thema rechtliche Information gewagt. Im zweiten Teil der Serie Haftung im Reitunterricht geht es um die Auswirkungen von Trainerscheinen und Sachkundenachweisen auf die Rechtslage und Haftung als Reitlehrer. 

 

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Wie immer gilt: Ich übernehme keine Garantie für die juristische Korrektheit meiner Artikel. Eine rechtssichere Auskunft geben dir Anwälte und Co. Wenn du etwas besser weißt, dann machs’s besser, in dem du mich darüber informierst. Meine Blogartikel stellen lediglich ein unverbindliches Informationsangebot und keine Rechtsberatung dar. Alle in dieser Serie und auf diesem Blog zu lesenden Informationen verstehen sich ohne Gewähr auf Vollständigkeit oder Richtigkeit.

 

 

In diesem Beitrag erfährst du, 

 

  • welche Auswirkungen ein Trainerschein auf die Rechtslage bei Unfällen und Co. hat,
  • wie es um einen Sachkundenachweis für Reitlehrer steht,
  • und welche Nachweise Versicherungen sehen wollen. 

 

Die Auswirkung eines Trainerscheins auf die Rechtslage bei Unfällen

 

Trainerscheine der Reiterlichen Vereinigung sind die gängigen Ausbildungsmöglichkeiten für die pädagogische Arbeit mit Reitern. Neben zahlreichen anderen Weiterbildungen bei diversen Bildungsträgern im Pferdebereich genießen Trainer C, B und A im Leistungs- oder Breitensport eine besonders hohe Beliebtheit und Akzeptanz. Trainerscheine weisen dir schriftlich eine gewisse Sachkunde im Umgang mit Pferden und Reitern nach, die du dann und wann gebrauchen könntest!

 Hierzu schreibt Rechtsanwältin Jennifer Stoll in ihrem Artikel “Trainer in der Verantwortung” in der Rheinlands Pferd und Reiter Ausgabe April 2016 ein paar sehr interessante Fakten:

Im Falle des Falls (hach, wie liebe ich dieses Wortspiel) während des Unterrichts trifft dich, wie du bereits erfahren hast, die (Mit-)Schuld und Verantwortung am Schaden des Reitschülers. Du wirst haftbar gemacht und musst zahlen - egal, ob du eine Versicherung hast oder nicht. Du stehst in der HaftPflicht. Doch warst du überhaupt fachlich befähigt, dem Reiter-Pferd-Paar Anweisungen zu erteilen? 

 

Es kann bereits eine haftungsauslösende Pflichtverletzung sein, wenn du keine Qualifikation oder Befähigung zum Reitunterricht vorweisen kannst. Das heißt im Klartext: Wenn du ohne nachweisliche Befähigung unterrichtest, trägst du automatisch mehr Schuld am Geschehen als eine durch einen Trainerschein befähigte Person. Auf dem Papier kannst du theoretisch nichts! Für dich wird es dann schwierig nachzuweisen, dass du über entsprechende Fähigkeiten und Fertigkeiten verfügst, die dich zum Erteilen des Unterrichts befähigen. Wer weiß schon, ob du nicht doch grobes Unwissen mitbringst, mit welchem du andere (unwissend) in Gefahr bringst?

 

ABER: um dich haftbar zu machen, muss auch tatsächlich die fehlende Qualifikation ursächlich für das Unfallgeschehen sein. Das heißt, wenn jemand im Unterricht stürzt und sich verletzt, weil das Pferd gemäß seines Fluchtverhaltens gescheut hat, bist du dafür weder mit noch ohne Trainerschein oder dergleichen verantwortlich. Es ist für dich als Reitlehrer mit Trainerschein nur leichter, dein Fachwissen und deine Kompetenz vor Versicherungen, klagenden Eltern oder vor Gericht glaubhaft zu machen, als wenn du ohne Nachweis dastehst. Deshalb lege ich dir zum Schutze aller Beteiligten ans Herz: Mach einen Trainerschein, bilde dich weiter, schaffe dir Referenzen.

 

Von der Haftung des Reitlehrers ausgenommen sind Schäden, die das Pferd verursacht hat. Das muss immer im Einzelfall entschieden werden. Mit Trainerschein ist für Versicherungen leichter zu beurteilen, ob die nötige Sachkunde vorlag, demnach die Schuld beim Pferd zu suchen ist und wie viel Mitschuld der Reiter trägt. Der Reitlehrer mit Schein hat ja mittels Ablegen des Scheins bewiesen, dass er weiß, was er tut. Umgekehrt ist es im Ernstfall ohne Trainerschein schwierig nachzuweisen, ob du als Reitlehrer, das Pferd oder der Reiter die Schuld trägt.

Trainerscheine “schützen” dich vor Anschuldigungen der Marke “sie konnte ja gar nichts!”. Hast du keinen Trainerschein darfst du trotzdem unterrichten, rückst bei Unfällen aber deutlich schneller in den Verantwortungs- und Haftungsbereich. Trainerscheine sind aber keine Garantie, dass dich keine Schuld treffen kann! - Hier fällt das Stichwort Fahrlässigkeit, welches in einem späteren Artikel noch einmal behandelt wird. 

 

 

Sachkundenachweise für Reitlehrer

 

In Deutschland ist private Pferdehaltung für jedermann möglich. Dafür benötigt es keinen Sachkundenachweis. Sobald die Pferde gewerbsmäßig gehalten werden, das heißt selbstständig, planmäßig und mit Absicht der Gewinnerzielung, bedarf es laut §11 TierSchG einer Genehmigung des Veterinäramtes. Vorher darfst du nicht starten! Diese Regelung trifft Pferdepensionen, Pferdezüchter, Pferdehändler aber auch Reit- und Fahrbetriebe (das betrifft dich als Reitlehrer mit eigenen Pferden!). Dazu musst du beim Veterinäramt einen Antrag stellen und diverse Voraussetzungen erfüllen. 

 

Eine der Voraussetzungen ist der Sachkundenachweis. Diesen müssen Menschen vorweisen können, wenn sie beruflich mit Tieren umgehen, sprich erwerbsmäßig mit ihnen Geschäfte ausführen, einen entsprechenden Sachkundenachweis benötigen. Du musst dafür zwingend belegen können, dass du die nötige Qualifikation mitbringst, um Pferde artgerecht halten und mit ihnen umgehen zu können. Auf diese Weise sollen das Leben und Wohlbefinden von Tieren gewährleistet werden und tierschutzwidirge Handlungen und Zustände vermieden werden.

 

Der Sachkundenachweis ist in diversen Lehrgängen bei unterschiedlichen Anbietern abzulegen.

Menschen, die eine Berufsausbildung auf dem Gebiet der Pferde-, Land- und Tierwirtschaft absolviert haben, benötigen diesen Nachweis nicht mehr. Jedes Veterinäramt kann nach eigenem Ermessen entscheiden, wie sachkundig sie dich einschätzt. Es kommt dabei ganz auf Bundesland beziehungsweise Region an, in der du dein Reitlehrerbusiness aufbauen möchtest. Manchmal reicht es schon, wenn du langjährige Erfahrung im privaten oder beruflichen Kontext mit Pferden nachweisen kannst. Andere Veterinärämter wiederum erfordern zwingend einen Trainer C Schein zum Nachweis der Sachkunde. Wenn die Behörden Zweifel an deinen Kenntnissen haben, ist es zulässig, dich in einem Fachgespräch nach deinem Kentnisstand auszufragen.

Meine Informationen zog ich aus den Fachartikeln “Genehmigung zur Pferdehaltung vom Veterinäramt” von Christian Harms und Anja Jakubeit von der Seite Harms - Pferdeprofis gut beraten und “Erlaubnispflicht nach §11 TierSchgG” von Katrin Lewandowski, die in ihrem Artikel den Tierrechtsanwalt Andreas Ackenheil zu Wort kommen lässt. 

 

Der Sachkundenachweis kann dir auch im Falle eines Rechtsstreits helfen. Er belegt, wie der Name schon sagt, deine Sachkunde. Er hilft dir zu beweisen, dass du bei einem Unfall nicht grob fahrlässig gehandelt hast, indem du völlig ohne Sachkunde in der Pferdewelt tätig warst. Dies ist besonders bei Zahlungen durch Versicherungen hilfreich. Durch den Sachkundenachweis lässt sich die "Schuld" eher auf das Fluchttierverhalten oder die Mitschuld der Beteiligten schieben, weil DU nachweisen kannst, dass du sachkundig bist. Dass der Unfall sich letztendlich ereignete, hättest du mit mehr Sachkunde auch nicht verhindern können. Auf deinen Schultern lastet dann nur ein Teil der Verantwortung und einhergehenden Verantwortung. Ganz schön viel Sachkunde, oder?

 

 

Benötigt jeder Trainer einen Sachkundenachweis?

 

Es macht einen Unterschied, ob du Reitunterricht auf deinen eigenen Pferden gibst oder als mobiler Trainer unterwegs bist. Je nachdem, wie und wo du Pferde unterstellst, nutzt oder selbst versorgst, hat Auswirkungen auf die Einstufung der gewerblichen oder privaten Pferdenutzung und damit auch auf die Notwendigkeit des Sachkundenachweises und der Genehmigung durch das Veterinäramt. 

 

mobile Trainer ohne eigene Pferde

 

Als mobiler Trainer ohne Pferde benötigst du keinen Sachkundenachweis, da die Pferde nicht dein eigen sind. Du unterrichtest Menschen auf fremden Pferden, für deren Haltung du "nicht verantwortlich" bist.

 

Trainer mit Pferden in Eigenregie

 

Hältst du deine Pferde im Grunde privat in Eigenregie und willst anfangen, auf ihnen Reitunterricht zu geben, wandelt sich der Zweck von der privaten zur gewerbsmäßigen Pferdehaltung. Dabei ist es egal, ob du gewinnbringend, kostendeckend oder im Minus arbeitest: es zählt die Absicht hinter der Pferdehaltung und die ist beim regelmäßigen Erteilen von Reitunterricht eine Gewinnerzielung. Ab dem Moment der gewerbsmäßigen Nutzung deiner eigentlich privat genutzten Pferde benötigst du wieder einen Sachkundenachweis.

 

Trainer mit Pferden in fremder Pensionspferdehaltung

 

Dieser Fall scheint eine Grauzone zu sein. Erkundige dich auch hier unbedingt beim örtlich zuständigen Veterinäramt. Es lebe der Förderalismus! - Mal wieder braut jeder sein eigenes Bier. Einige Veterinärämter halten einen Sachkundenachweis bereits für notwendig, wenn du mit deinen Pferden auf einem fremden Hof in Pension stehst und gewinnbringend arbeitest. Manche Ämter sind kulanter und sehen die Sache wie folgt: Wenn du deine Pferde in Pension gibst, bist du automatisch nicht mehr der Besitzer, sondern der Eigentümer. Um das Wohlergehen des Pferdes kümmert sich der Stallbetreiber, der dann den Sachkundenachweis erbringen muss. Hier gilt: Informiere dich!

 

Auch wenn der Sachkundenachweis für mobile Reitlehrer nicht vorgeschrieben ist, lege ich ihn dir trotzdem ans Herz. Sobald du mit eigenen Schulpferden ins Geschäft einsteigen möchtest benötigst du ihn ohnehin. Und auch vorher ist er dir im Falle des Falls eine fundamentale Stütze, um deine Expertise nachzuweisen. Wenn du unterschiedliche Erfahrungen zu den Voraussetzungen des Sachkundenachweises gemacht hast, die hier nicht erläutert sind, dann lass es mich unbedingt wissen, so dass ich den Artikel anpassen kann! 

 

 

Trainerscheine und Sachkundenachweise als Nachweis für Versicherungen 

 

Viele Versicherungen versichern Reitlehrer ohne Trainerschein. Frage dennoch unbedingt bei deiner Versicherung nach, inwiefern du nachweisen musst, dass du für den Reitunterricht befähigt bist.

Bei der Gothaer Versicherung ist es so, dass in der Police ausdrücklich erwähnt ist, dass kein Trainerschein vorzuweisen ist. Auch bei der Uelzener Allgemeine Versicherung gibt es einen Tarif, den du als Reitlehrer abschließen kannst, auch, wenn du keinen Schein hast. Hier wird ebenso kein Trainerschein oder anderes vorausgesetzt. 

Die Reitlehrerhaftpflichtversicherungen für Reitlehrer ohne Trainerschein sind deutlich teurer im Abschluss. Pass unbedingt auf, dass du beim Abschluss nicht in die Falle tappst und eine Versicherung für Trainer mit Schein abschließt. Wenn dann etwas passiert und du möchtest die Versicherung in Anspruch nehmen, ist es ein Verstoß gegen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen deinerseits und die Versicherung zahlt nicht. Du hast bei Vertragsabschluss schließlich angegeben, einen Trainerschein zu besitzen; wenn du doch keinen hast, kann die Versicherung auch nichts machen.

 

Wenn dir noch etwas zum Sachkundenachweis oder oder zum Trainerschein in Bezug auf die Reitlehrerhaftpflichtversicherung einfällt, was ich nicht erwähnt habe oder du Fehler entdeckst, dann scheue dich nicht, auf mich zuzukommen! Die Recherche war nicht einfach und ich musste so einige Versicherungsvertreter kontaktieren, um an die Informationen zu gelangen. Nur gemeinsam schaffen wir es, die Pferdewelt besser zu machen!

 

Guter Reitunterricht fängt mit einer guten Abischerung an. Nur wenige Dinge sind ärgerlicher, als wenn du aufgrund von Unwissenheit keine Absicherung triffst und im Schadensfall vor dem finanziellen Ruin stehst. Gute Reitlehrer vesuchen das zu vermeiden.

 

Und jetzt ran an die Versicherungsrecherche! Berichte mir gerne von deinen Erfahrungen!