Von nix 'ne Ahnung, aber Chef

Das richtige Mindset im Umgang mit Pferden


Der Grundstein für das richtige Mindset im Umgang mit Pferden wird schon früh gelegt!
Der Grundstein für das richtige Mindset im Umgang mit Pferden wird schon früh gelegt!

Von Jessica Jacob

 

In diesem Artikel erfährst du,

 

- welches Mindset ich meinen Reitschülern im Umgang mit Pferden vermittle,

- welche Regeln sich dadurch für den Umgang mit dem Partner Pferd ergeben,

- wie du deine Reitschüler dieses Mindset üben lässt

 

Hier findest du noch einen Buchtipp, der sich mit der Pferdesprache befasst. Ich empfehle dir das Buch sowohl für deine Reitschüler als auch für dich!

 

 

Pferde sind Herdentiere...

 

Ja, das erfahren alle Reitanfänger schon von klein auf in diversen Conny-Büchern, Was-ist-Was-Folgen oder bei Paula und den Haustieren. Aber was heißt das denn überhaupt konkret? 

In der Pferdeherde gibt es immer einen Chef und andere Pferde, die keine Chefs sind. Die Rangordnung verläuft in Abstufungen. Zwischen den einzelnen Positionen gibt es immer mal wieder Rangeleien, denn: höhere Positionen bringen Vorzüge: man kommt ans Fressen und ergattert auch bessere Schlafplätze.

Die meisten Pferde wollen aber gar kein Oberboss werden, denn der hat die meiste Verantwortung: Er muss gucken, ob irgendwo Tiger oder Bären oder Löwen lauern, die die Herde angreifen könnten. So lange der Chef seine Aufgabe erfüllt, fühlen sich die Pferde in Sicherheit und können entspannt ihrer Aufgabe nachgehen: Überleben.

 

Wenn ich ein Pferd aus der Herde nehme...

 

Plötzlich kommt der Reiter und holt sich sein Pferd von der Koppel. Damit verlässt das Pferd den sicheren Schutz seiner Herde, das heißt, auch der Chef ist weg. Wer guckt denn jetzt, ob es irgendwo Tiger oder Wölfe gibt? So lange dies dem Pferd nicht klar ist, wird es aufgeregt sein, sich schlecht führen lassen, schreckhaft vor jedem Stein zusammenzucken und immer in Habachtstellung sein. 

 

Es ist die Aufgabe des Reiters, der sein Pferd aus der Herde nimmt, den neuen Chef zu spielen. 

 

Er muss dem Pferd klar machen, dass er jetzt aufpasst und vor möglichen Säbelzahntigern warnen wird. Das Pferd oder Pony soll lernen, dass es seinem Reiter vertrauen kann. Wenn Pferde das verstanden haben, sind sie weitaus ruhiger im Umgang! 

Dieses Ergattern der Chefposition funktioniert NICHT mittels Grobheit, Schlagen oder anderer brachialer Methoden. Beobachtet man Pferde auf der Koppel bei Machtspielchen, kann man zwar immer mal wieder heftige Tritte und Bisse beobachten, aber vorab senden die Pferde winzige Signale in Abstufungen, die dem Gegenüber genügend Zeit bieten, sich unterzuordnen. Je ranghöher ein Pferd ist, desto weniger grobe Signale muss es senden, um sich zu behaupten.

Das heißt für die gemeinsame Arbeit zwischen Mensch und Pferd, dass auch der Mensch in seiner aufstrebenden Chefposition möglichst kleine Signale sendet, bevor er grob wird. 

 

Diese kleinen Signale sind eine selbstbewusste, aufrechte Körperhaltung, ein aufrechter Gang und vor allem das Bewusstsein darüber, was als nächstes getan wird. Pferde spüren ganz genau, wenn der Reiter nicht weiß, was Sache ist. Deshalb gilt: Auch, wenn du nicht weißt wohin, tu wenigstens so! Unerlässlich ist auch eine ruhige, ausgeglichene Gemütslage in der man möglichst viel wahrnehmen kann. Dominieren starke Gefühle wie Wut, Angst, Trauer, Freude und dergleichen spüren die Pferde das und sind meist erst einmal irritiert, weil sie starke Gefühle nicht so kennen wie wir. Ein ausgeglichener, in sich ruhender Reiter kann Gefahren besser abschätzen und mit Verstand reagieren; hervorragende Eigenschaften für einen Chef, oder? 

 

 

Was heißt das für den Umgang mit Pferden? Welche Regeln ergeben sich daraus für dich und für dein Pferd?

 

Für dich: 

 

Generell klare Regeln:

 

Setze deinem Pferd klare Regeln im Umgang. was darf es und was darf es nicht? Diese Regeln müssen eingehalten werden, und zwar immer. Nur weil du gute Laune hast kannst du den einen Tag nicht etwas erlauben, was den anderen Tag verboten ist. Gute Chefs zeichnen sich durch klare Regeln aus. 

 

Ausgeglichenheit:

 

Begegne deinem Pferd möglichst nur in einer ausgeglichenen Gemütslage. Gute Laune ist auch noch okay, aber bitte lass deine Wut, deinen Frust und Co. zuhause, wenn du mit deinem Pferd arbeitest.

 

Respekt:

 

Bringe deinem Pferd genauso viel Respekt gegenüber, wie du auch von ihm verlangst, das heißt: grabble es nicht einfach ohne Vorwarnung und ohne sein Einverständnis an. Schubse es nicht von vorneherein grob zur Seite, sondern Frage in Abstufungen nach.

 

 

Für das Pferd: 

 

Am Reiter wird sich nicht geschubbert. Und wenn Fury noch so süß ist, nein. Das Schubbern am Gegenüber ist eine Geste, die nur ranghohe Tiere beim rangniedrigen Tier machen. Und du bist nicht rangniedrig.

 

Der Reiter wird nicht überholt oder weggedrängelt. Hier fällt wieder das Schlagwort Respekt. Wegdrängeln und Überholen machen die Jungspunde auf der Weide oder solche, die sehr ranghoch sind. Geklärte Rangfolgen erlauben kein Wegdrängeln.

 

Wenn der Reiter anhält, hält auch das Pferd an. Sprich, wenn der Chef eine Gefahr sieht, muss der Rest der Herde unbedingt anhalten! Pferde wisse natürlich nicht, dass die Straße, die zu überqueren gilt, eine Gefahr darstellt, aber sie vertrauen dir ja trotzdem. Du bist der Chef und du hast die Verantwortung, auf alle aufzupassen. Wenn der Chef sagt Stopp, dann gilt auch Stopp. 

 

 

Und wie bringt man dieses Mindset jetzt den Reitanfängern bei? 

 

Wichtig ist, dass DU als Reitlehrer die Rangfolge mit deinem Pony bereits geklärt hast. Im Zweifel sollte das Tier sich immer an dir orientieren können, wenn der Reitschüler unklare Signale sendet.

 

Ich fange in meinem Reitunterricht ab der ersten Stunde mit dem selbstständigen Führen an. Die Kinder müssen ihre Ponys von der Koppel holen. Ich gehe immer mit und achte darauf, dass den Ponys nicht ohne Vorwarnung das Halfter über den Kopf gezogen wird. Wir begrüßen das Pony immer erst, indem wir es an unserer Hand schnuppern lassen und es kraulen. Partner Pferd soll ja motiviert und mit Freude bei der Sache sein! 

Beim Führen an sich achte ich bereits darauf, dass das Kind auf Kopfhöhe des Ponys läuft und rücksichtsvoll die Kommandos zum Losgehen und Stehen bleiben gibt. Das Pferd darf nicht schneller gehen als der Reiter, das Kind soll das Pony aber auch nicht hinter sich herziehen. 

Auch beim Putzen achte ich darauf, dass die Kinder auf sanfte Weise den Ponys verklickern, dass sie beispielsweise ein Stück zur Seite gehen sollen. Dazu wird mit Fingerspitzen und Stimme an Bauch und Flanke das Pony in die gewünschte Richtung geschoben. Auch hier gibt es wieder Abstufungen. Wenn es gar nicht geht, muss ich helfen; meistens fehlt einfach ein bisschen Kraft, wenn zarte Vierjährige ein dickes Pony verschieben wollen.

 

Generell versuche ich den Kindern mit auf den Weg zu geben, was ich im Abschnitt zum Herdenverhalten bereits gesagt habe. Die meisten Kinder sind super stolz, wenn sie ihrem Pony etwas Furchteinflößendes zeigen, es sich dann aber beruhigt, weil SIE der Chef waren und gezeigt haben: keine Angst. Da kann man zur Übung ruhig mal ein bisschen Schrecktraining in die Reitstunde einbauen, bei denen an Luftballons vorbei geführt wird, die die Kinder eigentlich toll finden, die Ponys aber meistens nicht. Hier lässt sich sehr anschaulich erklären, dass Pferde manchmal Gespenster sehen, die wir nicht mal erahnen.

 

Wichtig ist, dass du als Reitlehrer immer in Reichweite dabei bist und im Notfall eingreifen kannst. 

 

Auch wenn meine Ponys im Gelände etwas Beunruhigendes sehen, sollen die Kinder den Ponys erzählen, was das ist. Die Stimme beruhigt das Pony und entspannt den Reiter. Reiter vergessen nämlich manchmal vor Schreck zu atmen, wenn sie bemerken, dass das Pony Angst hat. Es wird abgestiegen, in Ruhe zum Schreckobjekt hingeführt und ausgiebig gelobt, wenn beide mutig die Situation überwunden haben. Wichtig ist, dass du als Reitlehrer immer dabei bist und ein Auge auf dein Pony hast; falls es sich doch mehr fürchtet und den kleinen Reiter umrennen könnte. Lauf einfach auf Kopfhöhe des Ponys mit und rede auch du dem Pferd gut zu; im Zweifel bist du die etabliertere Führungsperson als das Kind. 

           

Ich hoffe, ich konnte dir mit meinem Artikel zum Thema Mindset und Regeln im Umgang mit Pferden ein wenig weiterhelfen. 

 

Bitte werde niemals müde, deinen Reitschülern ein gutes Reitermindset mit auf den Weg zu geben. Übt gemeinsam das korrekte Führen, das Halten und Vorwärtsgehen und unterhaltet euch über Pferdesprache! Beobachtet doch mal gemeinsam nach der Reitstunde euer Pony, wenn es auf der Koppel "frei gelassen" wird und wie es sich bei seinen Kumpels verhält.

Oder wie wäre es mit einer eigenen Stunde zum Thema Bodenarbeit und Pferdekommunikation? 

 

 

Wie laufen deine ersten Kennenlernstunden ab?

Pferdesprache für Kinder

Pferdeflüstern leicht gemacht 

Andrea und Markus Eschbach

 

Beim Erlernen der Pferdesprache und bei der Vermittlung dieser Sprache an meine Reitschüler hat mir das Buch "Pferdesprache für Kinder" von Markus und Maria Eschbach wahnsinnig geholfen! In leicht verständlichen Texten mit anschaulichen Bildern gehen die beiden Pferdeprofis besonders auf die Roundpenarbeit ein. Auch, wenn ich eingefleischte Dressurreiterin bin: Mit diesem Buch wurde mir noch einmal klarer, wie man Pferde mit seiner Körpersprache leiten und führen kann. 

 

 

Erschienen ist das Buch in der dritten Auflage im KOSMOS Verlag. Es hat 56 Seiten, ist deutschsprachig und für Kinder im Alter von 8 bis 11 Jahren empfohlen.

 

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