Warum hat Mikado Pause?

Zur Trageerschöpfung bei meinem Pferd


Ich hatte vor ein paar Wochen in einem Instagram-Post angekündigt, dass ich mich zu Mikados Pause ausführlicher mit einem Video melden würde. Es ist so unfassbar schwer, in einem kurzen und knappen Video zu erklären, was mit ihm los ist. Und es ist noch viel schwerer, dabei freundlich in die Kamera zu schauen, die Licht- und Tonverhältnisse im Blick zu haben und sich nicht zu verhaspeln. Fünf Mal hab ich es probiert und jeweils 30 Minuten meines Lebens vergeudet, weil ich mit dem Ergebnis unzufrieden war. Daher gibt es hier jetzt das Update in der Form, die ich am besten beherrsche: Als Text! 

Hier siehst du die Hügellandschaft auf dem Rücken meines Pferdes.
Hier siehst du die Hügellandschaft auf dem Rücken meines Pferdes.

 

Wie ist der Stand der Dinge?

 

Wie du es auf Instagram mitbekommen hast, steht mein großes Pferd Mikado mal wieder rum und ich reite nicht. Um genau zu sein rühre ich seinen Rücken allerhöchstens mit der Bürse an. 

Mikado hat Rückenschmerzen und zwar vom allerfeinsten. Seine Oberlinie sieht aus wie eine einzige Hügellandschaft. Ja, ich mag Berge, aber bitte nicht auf dem Rücken meines Pferdes! Sämtliche Muskeln, die er zum schadfreien Tragen eines Reiters benötigt, sind nicht vorhanden. Der Trapezmuskel ist verkümmert, es hat sich ein extremer Karpfenrücken gebildet, die Wirbelsäule steht hervor und dort, wo zwei kräftige lange Rückenmuskeln das Reitergewicht tragen sollten, schaue ich auf deutliche Kuhlen. Wenn ich ihn in Gurt- und Sattellage putze, ist er skeptisch. Wenn ich den 4000€-teuren Sattel drauf lege, beginnt er zu drohen. Vor zwei Wochen war es dann so weit: Mikado biss mich beim Satteln in die Jacke. Ja, es war nur die Jacke, aber die Tatsache, dass er mich gebissen hatte, rüttelte mich endlich wach.

Wie lange hatte ich auf diesen Rücken schon einen Sattel gelegt? Wie lange hatte ich dieses verspannte Pferd gearbeitet?

Wie lange hatte ich schon nackte Tatsachen wie fehlende Muskulatur und chronische Unzufriedenheit ausgeblendet und bin drüber hinweggeritten? 

Er musste erst "gefährlich" werden, damit ich mich näher dem Problem widme. 

Mein Pferd hat eine Trageerschöpfung. Er wurde zu lange auf falsche Weise mit falschem Equipment unter gesundheitlichen Beschwerden geritten. Sein Brustkorb ist unter der Last des Pferde- und Reitergewichts durch falsche Bewegungsmuster nach unten abgesackt. Er kann seinen Rücken nicht mehr zum Schwingen bringen und auch nicht aufwölben, weil alles verspannt und verhärtet ist. Die Hinterhand ist unterirdisch entwickelt, weswegen weder Schub- noch Tragkraft entwickelt werden können.

 

Wie kam es zu seinem Rückenproblem? 

 

 

Mittelfristig: Im Sommer 2019 hatte ich unseren alten Kieffer-Dressursattel von einem Schleesesattler überprüfen lassen und feststellen müssen, dass dieser deutlich zu lang und zu eng war. Der Sattler maß mein Pferd aus und notierte die Werte der Rückenmuskulatur. Ich ließ den Sattel weg und arbeitete mein Pferd vom Boden aus. Damals stand er noch bei meinen Eltern und wir hatten nicht so gute Trainingsbedingungen (nur eine holprige Wiese, die mit seinem Spat nicht in Einklang zu bringen war). Anfang 2020 holte ich ihn zu mir nach Kiel und stellte ihn in einen Stall, der relativ gute Trainings-, aber weniger gute Haltungsbedingungen aufwies. Wir durften in der Halle mit sehr flachem Boden longieren, aber er kam nur 4 Stunden am Tag raus. Den restlichen Tag verbrachte er in einer sehr kleinen Box - die wenige Bewegung war Gift für seine Vorerkrankung Spat und seinen schon damals schlechten Rücken. Ich longierte ihn viel, ging oft spazieren und massierte ihn durch. Anfang März besuchte uns erneut ein Sattelergonom von Schleese und maß Mikado aus. Es hatte sich eine deutliche Verbesserung in der Rückenmuskulatur eingestellt! Meine Arbeit hatte gefruchtet! Also kauften wir einen sehr teuren Sattel und ich ritt ihn genau 1x damit.

 

Mein Pferd schaffte es nämlich, sich die Nase zu brechen. Klinikaufenthalt, OP, Boxenruhe, Trainingspause: Jegliche mühsam auftrainierte Muskulatur verschwand. Nach zwei Monaten durfte er endlich wieder richtig raus auf die Koppel und langsames Auftrainieren war wieder möglich. 

Ich nahm ihn wieder mit nach Kiel, aber in einen neuen Stall mit schöneren Haltungsbedingungen. Aufgrund der noch nicht ganz durchgeheilten Nase durfte Mikado nicht mit den anderen auf die Koppel und hatte jeden Tag "Auslauf" auf einem spärlichen Paddock von ca. 20x20m. Seine Box hatte auch einen angrenzenden Paddock, der war aber nur so groß wie seine eigentliche Box. Der Auslauf kam also wieder viel zu kurz - aber wir hatten ja nur Herdenverbot bis Ende des Jahres! Da erfuhr ich, dass die Pferde in diesem Stall im Winter NICHT raus kamen. Null. Sie hatten ja ihre kleinen Paddocks vor der Tür und benötigten keinen Auslauf. Da stand für mich schon fest, dass wir den Stall wechseln würden. Zusätzlich bot der Stall nur eingeschränkte Trainingsmöglichkeiten: Der Longierzirkel war klein und der Sand VIEL zu tief für Pferde. Ich durfte nirgendwo anders longieren, nicht einmal auf der Springwiese, die einen fantastischen Hügel hatte, an dem man trainieren konnte! Also musste ich direkt zum Reiten übergehen. Die Krux: Mein Pferd hat Spat und muss sich immer erst einlaufen. Wenn er sich nach 40 Minuten eingelaufen hat, ist er  schon müde, aber das eigentliche Training mit Vorwärts/Abwärts, Stangen und geneell richtigem Reiten hat noch gar nicht begonnen. Also gingen wir vorher immer erst eine halbe Stunde spazieren, was sich auf meinen ohnehin schon engen Zeitplan sehr negativ auswirkte. 

Im neuen Stall ließ ich den Sattel nach der langen Pause erneut anpassen und auch die Zähne kontrollieren. Generell spüre ich mit meinen langjährigen Erfahrungen im falschen Sattel sehr deutlich, wenn er nicht passt. Mein Gefühl hatte mich nicht getäuscht, der Sattel musste geweitet werden, damit er besser auf dem Pferd lag. Alles kein Thema, geht ja fix (und kostet Geld..). 

Ich ließ eine Trainerin am Stall Mikado reiten, um mir ein Feedback von ihr zu holen. Ich war unheimlich verunsichert, inwieweit ich Mikado schon belasten könnte und wie viel ich ihn fordern sollte. Mir fehlte es an Struktur und Konzept zum Aufbautraining ohne Longenarbeit. Sie ritt ihn in allen Grundgangarten und war der Meinung, dass ich zwar keine engen Wendungen und Versammlungen fordern konnte, aber alles andere wäre durchaus möglich. Ich verließ mich auf das Urteil dieses Profis (... mit Trainerschein und viel Erfahrung...) und ritt mein Pferd ebenso. Zwei, drei Wochen ging das gut. Abgesehen davon, dass mein Pferd nicht zufrieden abschnaubte und speichelte und generell einen scheiß Eindruck nach dem Reiten machte, war alles super... 

Ich merkte dennoch, dass der Sattel wieder nicht passte. Wie konnte es sein, dass die Rückenmuskulatur innerhalb eines Monats erneut so sehr verschwand, dass der Sattel drückte?! Denn aufgebaut hatte sich dort definitiv nichts... 

Und dann biss er mich beim Satteln in die Jacke. Er erwischte meinen Körper nicht, nur den Stoff. Aber hey, er hat mich gebissen. Das war für die blinde Jessi, deren Pferd schont seit langer Zeit nicht richtig "funktionierte" endlich der Weckruf.  Ich beschloss, noch einmal genauer zu gucken. 

 

Langfristig: Meinem Pferd geht es also seit seiner Nasengeschichte nicht gut - als Pferd an sich vermutlich schon, aber als Reitpferd betrachtet ist er völlig im Eimer. 

 

Wenn du mich schon länger kennst, weißt du bestimmt, dass ich mein Pferd schon gute 10 Jahre besitze. Die Rückenproblematik haben wir nicht erst seit 2019, sondern schon wesentlich länger. Es lag nicht am Nasenbruch, dass es ihm und seinem Rücken jetzt schlecht geht. Gerade bei einer Trageerschöpfung fallen viele Faktoren zusammen, die das Gesamtbild ausmachen. So ist es auch bei mir. 

Hier siehst du mich Anfang 2010 und meine überragenden Reitkünste. Ich hatte mein Pferd erst ein paar Monate.
Hier siehst du mich Anfang 2010 und meine überragenden Reitkünste. Ich hatte mein Pferd erst ein paar Monate.

1.) Ich war jung, naiv und völlig unterfahren als ich mein Pferd bekam.

Zarte 15 Jahre jung, mit jeder Menge Motivation und Ehrgeiz aber, wie soll es in diesem Alter auch sein, mit wenig bis gar keiner Erfahrung, wie man Pferde gesundheitsschonend und gesundheitsförderlich reitet, geschweige denn ausbildet. Ich wusste, dass Pferde erst lernen müssen, den Reiter zu tragen, um keine langfristigen Folgeschäden davonzutragen, aber ich wusste nicht, wie. Durch meine Odyssee an Reitvereinen und Reitställen, die ich bis dato als Schulpferdereiter durchgemacht hatte, hatte ich einen winzigen Schimmer vom durchs Genick gehen aber keinerlei Peilung vom über den Rücken laufen, Lastaufnahme, Geraderichtung und dergleichen. Kurzum: Der Kopf musste runter. Und so ritt ich auch! 

 

Mikado stand von Anfang an bei meinen Eltern auf dem Hof und ich hatte niemanden, der schaute, was ich mit ihm fabrizierte. Mein Opa sorgte dafür, dass ich ein Pferd bekam, weil mich niemand mehr in der mecklenburgischen Provinz von Reitstall zu Reitstall kutschieren wollte. Sowohl meine Eltern als auch mein Opa (alle drei ohne Pferdeerfahrung) lebten in der Hoffnung, dass sich mit einem eigenen Pferd die Kosten für Fahrerei und Training reduzieren würden, weil ich dann ja sowieso nur hinter dem Hof ausreiten gehen würde... Der hochpubertäre Teenager hatte damals ebenso wenig Weitblick und so fielen wir gemeinsam in die Falle des eigenen Pferdes ohne Pferdeerfahrung.

 

 

Hier siehst du uns in der Siegerehrung als zweitplatzierte in einer A-Dressur.
Hier siehst du uns in der Siegerehrung als zweitplatzierte in einer A-Dressur.

2.) unsere Trainer motivierten uns, weiter zu machen.

 

In den Reiterferien lernten wir unsere erste Trainerin kennen, die fortan einmal die Woche kam, um uns die Basics zu lehren. Mein damals 7-jähriges Pferd konnte weder richtig Anhalten geschweige denn in den richtigen Galopp springen. Ich übte viel und fleißig, sowohl im Unterricht als auch allein. Aber Quantität sagt nichts über die Qualität aus, weswegen zahlreiche Reiteinheiten biomechanisch rückblickend betrachtet eher hinderlich statt förderlich waren. Aber woher sollte ich das wissen? Mehr als trainieren, lesen und noch mehr trainieren konnte ich nicht. 

Ich startete in meinen ersten E-Dressuren und hatte eine eher schlecht als rechte erste Turnierlaufbahn zu verzeichnen. Meine erste Trainerin zog irgendwann fort und wir fingen an, bei einer erfahrenen Pferdewirtschaftsmeisterin und Züchterin Unterricht zu nehmen. 

Meine Turnierkarriere setzte sich wesentlich erfolgreicher fort. Wir gewannen unsere ersten E- und auch A-Dressuren, es fühlte sich richtig an. Wir sprachen auch über die Bemuskelung meines Pferdes. Schon damals hatte er einen Karpfenrücken, der laut meiner neuen Trainerin mit zunehmender Entwicklung der  Rücken- und Hinterhandmuskulatur verschwinden würde... Natürlich glaubte ich ihr! Diese erfahrene Pferdefrau hatte uns reiterlich schon deutlich weiter gebracht und war definitiv vom Fach. Wieso sollte sie im Unrecht sein? 

Mikado war schon damals im Unterricht sehr faul und unmotiviert. Mit Mühe konnte ich ihn zu frischen Mitteltrabeinheiten motivieren und von einem schäumenden, abkauenden Maul waren wir weit entfernt. Er hielt still und machte mit - aber ein freudiges Pferd sah anders aus. Zusammen mit meiner Trainerin pumpten wir Hafer und Zusatzfuttermittelchen ohne Ende ins Pferd. Über Widersetzlichkeiten und Unwilligkeiten wurde hinweggeritten. Getreu dem Motto: Wenn erst einmal die Muskulatur da ist, macht er besser mit. Oh Herr, wie oft habe ich mich mit meinem Pferd angelegt! Wie viele tränenschürende Reiteinheiten liegen hinter mir, in denen ich der Kompetenz erfahrener Trainer traute und mich durch zermürbende Übungen quälte, die mein Pferd rückblickend gar nicht ausführen konnte! Tag für Tag, Monat für Monat und Jahr für Jahr schlugen wir uns durch die Dressur und das Springen in der Hoffnung, er würde besser, freudiger, motivierter werden. 

 

Wir fuhren auch Lehrgänge und zu Seminaren, wir bildeten uns fort. Und immer wieder konnte ich mir anhören, dass mein noch gar nicht so altes Pferd gaz schön faul sei und der mal mehr fressen müsse und überhaupt ich solle da endlich mal richtig reiten!  Aber wir hatten nicht nur mein Erfahrungsdefizit und das Problem der nicht-ganzheitlich arbeitenden Reitlehrer, das uns zu einem schlechten Rücken führte.

unser zu kleiner Wintec-Sattel
unser zu kleiner Wintec-Sattel

3.) Ich ritt gute zehn Jahre mit unpassenden Sätteln.

Meine persönliche Sattelodyssee findest du in einem anderen Beitrag. An dieser Stelle möchte ich nur erwähnen, dass ein zehnjähriger Marsch mit falschem Equipment unweigerlich Spuren im Bewegungsapparat hinterlässt. Ich holte nicht nur einen Sattler zu meinem Pferd. Ich hatte so viele unterschiedliche und nahezu alle stellten meinen bestehenden Sattel noch enger und noch fester. Ich vertraute mein Pferd und mein hart verdientes Geld so vielen vermeintlichen Experten an, die einfach nicht erkannten, warum mein Sattel ständig nach hinten rutschte und mein Pferd verkümmerte Trapezmuskel hatte. Erst der letzte Sattelergonom im Jahr 2019 quittierte mir, dass mein bestehendes Sattelexemplar vorne und hinten niemals passen würde. Ich verbannte diesen Sattel zu eBay Kleinanzeigen und mein Pferd wachte auf. Schon damals war ich unheimlich traurig, wie ich meinem Pferd aus Unwissenheit so viel Schaden hatte zufügen können!

So viele Widersetzlichkeiten und Unfähigkeiten bestimmte Lektionen auszuführen rührten nicht vom Unwillen oder der Unfähigkeit meines Pferd sondern schlicht und ergreifend daher, dass er mit dem falschen Sattel nicht richtig laufen konnte. Ich bin zehn Jahre mit unpassenden Sätteln geritten und habe dennoch versucht, meinem Pferd Leistung abzuverlangen.Ich kann nur froh sein, dass mein Pferd so gutmütig ist und immer brav mitgemacht hat. Mikado hat trotz der Schmerzen imemr versucht, alles richtig zu machen. Das Ergebnis sind falsche Bewegungsmuster, Kompensationsbewegungen des Körpers, um Schmerzen zu umgehen oder Fehlfunktionen der Gelenke und Muskeln auszugleichen. Er konnte den Rücken mit dem zu langen Rücken niemals anheben, also kippte er irgendwo in der Hüfte ab und ließ damit Hügellandschaften auf seinem Rücken entstehen. Nur, um es mir Recht zu machen! Nur, um meine Wünsche zu erfüllen und möglichen Bestrafungen aus dem Weg zu gehen. Himmel, was habe ich für ein geduldiges Pferd!

Mit meinem heutigen Wissen könnte ich jedes Buckeln, jedes Bocken und jegliches Widersetzen zu 200% nachvollziehen. Aber er buckelte nie. Er widersetzte sich nie oder nur sehr leise. Er hielt still und (er-)trug mich. Noch immer macht es mich unfassbar traurig, dass ich ihn so oft so ungerecht behandelt habe, weil ich auf den Rat so vieler "Experten" und "Profis" vertraut habe, die mir dabei halfen, mein Pferd kaputt zu machen. 

 

Aber damit nicht alles. Neben dem Erfahrungsdefizit, den falschen Trainern und den unpassenden Sätteln hat mein Pferd

4.) in beiden Sprunggelenken Spat.

 

Das beeinträchtigt ihn, mit der Hinterhand Last aufzunehmen und führt noch einmal auf alle anderen Probleme oben drauf dazu, dass er Fehlhaltungen einnimmt. Wer uns kennt, weiß, wie oft wir schon den Stall durch meine Umzüge gewechselt haben. Nicht selten waren gezwungenermaßen Ställe mit wenig Weidegang und Bewegung dabei. Auch mein Pferd stand zeitweise im Boxenknast. Die engen Wendungen in der Box und die generell fehelnde Bewegung (4 Stunden auf dem Matschpaddock stehen ist keine Bewegung!) taten ihr übriges uns begünstigten Schmerzen in den Sprunggelenken und einhergehende Rückenprobleme. Der Spat ist allerdings unser kleinstes Problem. Ich denke, dass wir von Anfang an besser geritten wären, wenn wir ein zentrales Problem nicht gehabt hätten: 

Mikado und ich auf unserem heimischen "Reitplatz"
Mikado und ich auf unserem heimischen "Reitplatz"

 

5.) Ich habe mein Pferd immer selbst finanziert.

 

Das mag für den einen sehr ritterlich klingen und für den anderen sehr ausdauernd, ich sage aber: es war für meine reiterlichen Ansprüche der größte Scheiß! 

Die ersten Jahre stand Mikado bei meinen Eltern und ich musste keine Pensionsgebühren bezahlen. Im Winter fehlte für ein angemessenes Training eine Halle, weswegen ich ihn in einen nahegelegenen Pensionsstall brachte. Die Pensionskosten in Mecklenburg-Vorpommern lagen 2015/16/17 bei etwa 230€, durchaus erschwinglich. Aber ich musste dies selbst bezahlen. Wie viel Einkommen hat eine minderjährige Schülerin? Genau. zarte 180€ Kindergeld. Nebenbei in der Provinz ohne ordentliche Verkehrsanbindung arbeiten gehen? Unmöglich. Ich hatte tatsächlich einen blassen Schimmer davon, dass mein Pferd auch Ostheopathie, Physiotherapie und Co. benötigen würde. Ich wusste auch, dass regelmäßiges Training noch effektiver wäre. Aber auch diese Dinge musste ich zu großen Teilen selbst bezahlen beziehungsweise bekam ich von meinen Eltern nur einen geringen Anteil an Unterstützung. Das war den Umständen geschuldet, dass meine Eltern recht wenig von Pferden verstehen und ich ihnen nicht zur Last fallen wollte. Ich hatte niemals das Bestreben, die Hand aufzuhalten um nach Geld für teures Equipment, Physiotherapeuten oder zusätzliche Reitseminare zu fragen. Ich wünschte mir so etwas zu Weihnachten oder zum Geburtstag. Mein Pferd benötigt 4 Eisen und bekommt ohne diese Eisen permantente Hufgeschwüre. Eine Zeit lang kostete uns das viel Geld und Nerven. Zusätzlich musste er zum Beschlagen anfangs sediert werden, weil er nur mich an seine Hufen ließ. Das kostete regelmäßig jede Menge Geld! Und da sollte ich noch nach ostheopathischen Behandlungen  zur Routine fragen? Auch wenn ich damals nicht viel wusste, ein Verständnis für Geld hatte ich. Manchmal ging ich in den Ferien auf einem Ponyhof als Betreuer arbeiten und investierte das sauer verdiente Geld direkt in mein Pferd. Wir hatten einmal eine Ostheopathin da. Sie drückte an meinem Pferd herum und kassierte 160€. Heute würde ich die Ergebnisse ihrer Behandlung besser einschätzen können, damals waren die Effekte kaum zu sehen, da ja immer noch mit unpassendem Sattel und ineffektiven Trainingsmethoden geritten wurde. Meine Eltern fielen fast aus allen Wolken als ich ihnen erzählte, dass jemand mein Pferd für 160€ passiert hatte. Ist es vorstellbar wie gerne ich dann  nachfragen wollte, ob dies regelmäßiger möglich war?

 

Mikado in seinem ersten Pensionsstall in Kiel (2014). Hier wurde ihm aufgrund von schlechtem Integrationsmananagement ein Stück vom Ohr abgebissen.
Mikado in seinem ersten Pensionsstall in Kiel (2014). Hier wurde ihm aufgrund von schlechtem Integrationsmananagement ein Stück vom Ohr abgebissen.

Nach dem Abitur begann ich zu studieren. Stur wie ich war wollte ich mein Pferd mitnehmen und tat es auch. Von meinem BaföG-Höchsatz, meinem Kindergeld und einem 400€-Job bezahlte ich zwei Haushalte - meinen und den meines Pferdes. Ich wollte auch hier keine Unterstützung von meinen Eltern sondern auf eigenen Beinen stehen. Das Ergebnis war, dass wir von Monat zu Monat +-0 über die Runden kamen. Es blieb kein Geld für irgendwas hängen. Boxenmiete, Hufschmied und medizinische Grundversorgung fraßen mein ganzes Geld. Außerplanmäßige Behandlungen, Lehrgänge, Seminare, Behandlungen, etc. wären rückblickend dringend notwendig gewesen, aber finanziell nicht möglich. Mir war es damals auch nicht bewusst, wie wichtig so ein alternativer Therapeut für mein Pferd sein könnte. Ich redete mir ein, das sei alles Humbug und ritt weiter fleißig über meine Probleme hinweg.

Ja, ich hätte meine Eltern jederzeit fragen können. Aber ich wollte nie. Ich wollte nie jemandem Zur Last fallen und immer selbstständig sein. Ich hatte mein Pferd mitgenommen also musste ich dafür aufkommen! So etwas nennt man glaube ich Verantwortung für ein Lebewesen tragen. 

Bei StudentInnen die ihre Pferde zum Studieren mitnehmen und jeden Monat 500€ von Papa in den Arsch geschoben bekommen, stellen sich mir vor Graus und auch Neid die Nackenhaare auf.

Vor Graus, weil diese Mädchen (und Jungs?) sich nicht im Ansatz vorstellen können, wie hart es ist, mit 1300€ netto sich und ein Reitpferd zu finanzieren. Ich spreche bewusst vom Reitpferd! So ein Hü zum Betüddeln irgendwo im Hinterhof ist ja doch weitaus erschwinglicher. Ich meine hier das richtige Reitpferd für den ambitionierten Freizeitreiter. Diese frisch von zuhause ausgezogenen Zöglinge, die mit einem Bein noch immer in Papas Geldbörse stecken, wissen gar nicht, wie viel mehr Wert so eine Reitstunde im Vergleich zur neusten Eskadron-Schibbi-Schabbi ist. Sie können sich nicht vorstellen, wie lange man abwägen muss, ob der Tierarzt wirklich notwendig ist oder ob das auch allein heilt. Ihnen fehlt jegliche Vorstellung davon, wie es ist, an Silvester in einem Nobelhotel in der Spülküche zu stehen, um den nächsten Hufschmiedtermin zu finanzieren. Was passiert mit diesen Pferdemädchen, wenn sie irgendwann auf eigenen Beinen stehen? Fallen sie dann aus allen Wolken bei der Realisierung der laufenden Kosten eines Pferdes? Hängen die ihre Reitkarriere an den Nagel? Ziehen die einfach niemals aus, weil sie es sich nicht leisten können? Posten sie einfach weiter auf Instagram, wie sie schnell den Osteopathen geholt haben, weil Stütchen Schnuckelwurz das linke Ohr schief hält?

So eine wollte ich niemals sein. 

Ein eigenes Pferd bedeutet für mich, dass ich für das Pferd aufkomme und zwar zu 100% ohne einen Geldgeber im Hintergrund! 

Meine Nackenhaare stellen sich mir aber auch vor Neid auf. Ein Geldgeber wäre genau das, was mein Pferd und ich gebraucht hätten. Jemand, der sagt, wir bekommen den passenden Sattel von Anfang an. Jemand der sagt, wir dürfen im Training gemäß unseres Bedürfnis nach Wissen reiten und nicht nach dem Inhalt des Geldbeutels. Jemand, der den Akupunkteur bezahlt, auch, wenn er nur das rechte Schweifhaar kurz im Blick hat um daraus auf die Leberwerte zu schließen (..^^). 

 

So einen hätte ich von Anfang an gebraucht und bekam ihn dennoch nicht. Wie viele Probleme hätten mein Pferd und ich nicht gehabt, wenn wir mehr "echte" Profis dabei gehabt hätten? 

Eine weitere Ursache für die Trageerschöpfung meines Pferdes kann darin liegen, dass

 

6.) mein Pferd zwei Mal gestürzt ist. Koppel- und Reitunfälle können neben akuten, offensichtlichen, durch den Tierarzt behandelbaren Beschwerden auch Verspannungen und Blockaden mit sich ziehen, die niemand so recht sehen kann. Mikado ist zu Beginn unserer gemeinsamen Zeit zwei Mal gestürzt: einmal mit mir beim Springen und einmal mit mir auf einer Eispfütze. Beide Male hatte er keine offensichtlichen Schäden davon getragen, aber es ist durchaus möglich, dass er sich dabei etwas im Rücken verrenkt oder gezerrt hat. Ich wusste damals nicht, dass nach einem Sturz immer auch ein Physiotherapeut oder Osteopath einmal drüber schauen sollte und befand es für ausreichend zu überprüfen, ob mein Pferd lahmt geht oder nicht. Vielleicht hätte ein schnelleres Einschalten eines Profis dabei geholfen, den Verlauf seiner Rückengeschichte zu unterbrechen. Was weiß ein Teenager ohne professionelle Begleitung schon?

 

Die letzte Ursache, welche ebenso Auswirkungen auf Mikados Rücken haben kann, besteht darin, dass ich 

 

7.) nichts über seine Vergangenheit weiß.

 

Mikado kam 7-jährig von einem Bauern zu mir, bei dem er pflügen sollte. Er wurde mit harter Hand geritten und sollte vor dem Wagen gehen. Meine Familie und ich kauften ihn blauäugig ohne Ankaufsuntersuchung. Wir begutachteten nicht einmal seinen Körperbau, weil wir keine Ahnung hatten. Er besaß vier Beine, Kopf und Schweif, das würde zum Reiten wohl reichen. Ich hatte von Ankaufsuntersuchungen gehört und erzählte meinem Opa davon, der da mit seinem gefährlichen Halbwissen meinte, das würde nur für wirklich teure Pferde in Frage kommen. Gewiefte Pferdekenner schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Ich war  jung und naiv. Ich wusste vor seinem Kauf und auch jetzt, nach seinem Kauf nichts über seine Vergangenheit. Er gab die Hufe sehr schlecht und schlug anfangs stark mit dem Kopf. Vor seiner Zeit bei mir hätte mit ihm alles geschehen sein können. Ich weiß nicht, auf welche Weise er geritten wurde, welche Dinge er erlebt hatte, ob er vielleicht als Fohlen gestürzt ist oder gar geschlagen wurde. Auch seine Vorgeschichte kann das jetzige Rückenproblem begünstigt haben.

 

seltsame Hügel auf dem Rücken meines Pferdes (September 2020)
seltsame Hügel auf dem Rücken meines Pferdes (September 2020)

Die nackte Wahrheit

 

Jetzt hat mein Pferd eine massive Trageerschöpfung. Er beißt, wenn er den Sattel aufgelegt bekommt, läuft matt und unmotiviert durch den Tag, sein Rücken gleicht einer Hügellandschaft. Ich weiß nicht, ob und wann ich ihn wieder reiten kann. Er ist 17 Jahre alt und seit 10 Jahren bei mir. Ich plage mich mit Schuldgefühlen, wie es zu seinem jetzigen Zustand hatte kommen können. So viele Faktoren kommen zusammen, die allesamt Gift für seinen Rücken waren! Ich wünsche mir oft, die Zeit zurückdrehen zu können und mit dem Wissen aufzuschlagen, was ich jetzt habe. Aber das geht nicht. 

Es ist so ernüchternd, jahrelang in ein Lebewsen zu investieren, auf Dinge zu verzichten und für diese eine Sache zu leben.

Es ist so ernüchternd zu erleben, wie 10 Jahre lang motiviert vermeintliche Dressur geritten wurde und jetzt das Pferd kaputt ist. 

Es ist so ernüchternd so hart für die eigenen Träume und Ziele (eine Trabtraversale mit Mikado) zu kämpfen um dann so hart auf den Boden aufzuschlagen mit der Botschaft: Du hast dein Pferd im Eifer des Gefechts kaputt gemacht. 

Ich habe unter anderem so lange für diesen Artikel gebraucht, weil ich hart an dieser Tatsache des eigenen Verschuldens zu knabbern hatte. Ich saß nicht nur einmal nachdenklich bis weinend bei meinem Pferd auf dem Paddock und fühlte mich wie ein furchtbarer "Pferde"mensch, der alles versaut hatte. 

 

Aber wer mich kennt, weiß, dass nur ungern in schlechten Gedanken und Untaten bade! Also rappelte ich mich wieder auf. 

 

Und nun?

 

Die Tatsache, dass ich mein Pferd aufgrund von fehlendem Wissen, falsch ausgewählten Trainern, unpassenden Sätteln, schlechter finanzieller Situation und zu großem Stolz gegenüber meiner Eltern kauptt geritten habe, ist unausweichlich. Mir wäre ein erfolgreicherer Weg auch lieber gewesen, vor allem ohne das Ergebnis der Trageerschöpfung. 

Aber: Ohne diesen Weg mit dem jetzigen Gesundheitsstand meines Pferdes wäre mir niemals bewusst geworden, wie wichtig 

eine gesundheitsschonende  und gesundheitsförderliche korrekte dressurmäßige Ausbildung für ein Reitpferd ist!

Holy Guacamoly! Was habe ich in diesen zehn Jahren für Fehler und Erfahrungen machen dürfen, die mir aufzeigen, wie es nicht geht! Was bringt es bitte für einen Wissenszuwachs zu sehen, was passiert, wenn Equipment nicht passt oder das Training falsch ist? Meine Damen und Herren, ich habe an meinem ersten eigenen Pferd erfahren dürfen, welcher Weg nicht funktioniert und worauf es ankommt. 

 

Ich weiß jetzt, dass ein passender Sattel unabdingbar für korrektes Reiten und ein gesundes Pferd ist.

Ich weiß jetzt, wie wichtig ganzheitlich denkende Trainer mit Struktur und Konzept sind.

Ich weiß jetzt, wie viel Geld tatsächlich in die Hand genommen werden muss, um lange etwas von seinem Pferd zu haben - denn das ist doch das Ziel! Möglichst lange mit dem Partner Pferd durchs Leben ziehen, ohne es mit 17 Jahren auf die Rentnerkoppel zu stellen? 

 

Es ist schade, dass dieser Wissensgewinn zu lasten meines eigenen Pferdes gehen musste. Ich hätte gerne aus den Fehlern anderer gelernt. Nix zu machen. Da musste ich jetzt selbst durch. 

 

Wie geht es jetzt weiter?

 

Nachdem ich mich wieder berappelt  und meine persönlichen Anschuldigungen an mich selbst beendet habe, kam die lösungsorientierte Macherin in mir durch: Was passiert jetzt?

Drei Wege offenbarten sich mir.

 

Möglichkeit 1: Das edle Ross geht in Vollzeitrente. Ich stelle es zu meinen Eltern auf die Koppel und wünsche ihm einen schönen Lebensabend. Ein bisschen Streicheln, ein bisschen Schmied, irgendwann ist er tot. IRGENDWANN IST ER TOT? Meiner Meinung warten Besitzer von Pferden in Vollzeitrente auf nichts anderes als das! Dass der Gaul endlich die Fliege macht weil, oh Wunder, er frisst noch immer Geld. geld, welches man in ein neues Sportgerät investieren könnte.  

Unvorstellbar für mich und mein eigentlich noch nicht so altes Pferd. 

Außerdem habe ich mit meinem Osteopathen (ja, ich habe jetzt einen!) gesprochen, der da meinte, dass Pferde mit Trageerschöpfung erst recht nicht in Vollzeit auf Koppel dürfen, weil sie von allein aus ihren falschen, vorhandlastigen Bewegungsmustern nicht herauskommen. Außerdem muss der Stoffwechsel in Gang bleiben, da sonst noch adere Probleme aufkreuzen. Also: Keine Vollzeitrentnerkoppel.

 

Möglichkeit 2: Wir machen bisschen Bodenarbeit, tüddeln herum, gehen spazieren, machen Zirzensik, ich verkaufe meinen Sattel und steige nie wieder auf mein Pferd.

Du kennst mich? Dann weißt du, dass ich absolut keine Bioreiterin bin, die Genugtuung darin findet, mit ihrem Pferd durch die Wallapampa zu stiefeln, um den Alltagsstress hinter sich zu lassen. Ich bin 24 Jahre jung und wollte immer Dressur reiten. Meinst du ich gehe ab jetzt mit meinem Pferd nur noch spazieren?

 

Möglichkeit 3: Wir beheben das Problem, so weit es geht. Wir investieren in Zeit, Profis und Wissen und schauen, wie weit wir kommen. Mein Pferd wird über korrekte Arbeit am Boden und Co. wieder lernen, den Rücken zu benutzen und etwas Gewicht von der Vorhand zu bekommen. 

Ich weiß nicht, wie lang dieser Weg wird, schon gar nicht weiß ich, wie viel gemeinsame Zeit uns noch bleibt und ich weiß erst recht nicht, ob wir zum Ziel kommen.

 

Aber: ich bin diejenige, die Mikado kaputt gemacht hat und er ist derjenige, der 10 Jahre mirgemacht hat. Er hat mich ertragen, ist meinen Wünschen nachgekommen und war mir ein zuverlässiges Reitpferd. Darüberhinaus auch ein Therapeut und Seelsorger, aber das ist ein anderer Schnack. 

Er hat es zu 2000% verdient, dass ich ihn von seinem Problem der Trageerschöpfung befreie! So lange war er für mich da, jetzt drehen wir den Spieß um. 

Es ist nicht zu überlesen, dass ich mich für Möglichkeit 3 entschieden habe. Nein, er wird nicht auf die Rentnerkoppel gehen und nein, wir werden nicht Meister der Zirzensik. Wir werden gemeinsam im Rahmen seiner Möglichkeiten versuchen, das Problem der Trageerschöpfung zu minimieren oder ganz zu beheben. 

Vielleicht schaffe ich es, dich auf instagram oder hier über die nächsten Schritte auf dem laufenden zu halten. Vielleicht auch nicht. Jedenfalls dürftest du jetzt wissen, wie es meinem Pferd geht, warum er schon wieder Pause hat und warum ich eigentlich noch immer keine L-Dressuren mit ihm reite.